"Du hast ja jetzt ein ganz anderes Kind!" / Fünf Jahre Sprachheilkindergarten

 Sind froh über die Entscheidung, ihre Kinder in eine Sprachheil-Kita gegeben zu haben: Christina Schulze, Kathrin Czaja und Veronika Krassow (v.l.)

Anfang März wurde das „Bildungshaus“ in der Jahnstraße 2 eröffnet. Zu den vier Einrichtungen, die dort unter einem Dach untergebracht sind und eng kooperieren, gehört auch der Sprachheilkindergarten der Lebenshilfe Verden, der in diesen Tagen seinen 5. Geburtstag feiert.

Für Kinder ist der 5. Geburtstag ein echtes Highlight. Wir wollen diesen Tag daher auch einmal ganz besonders würdigen – und zwar mit einem ausführlichen Eltern-Interview, bei dem wir die Mütter von zwei ehemaligen und einem aktuellen Kita-Kind zu ihren Erfahrungen befragt haben.

 

Wir haben gesprochen mit:

  • Veronika Krassow, ihre Tochter geht heute in die 2. Grundschulklasse
  • Christina Schulz, ihr Sohn geht jetzt in die 1. Grundschulklasse
  • Kathrin Czaja, ihr Sohn war zunächst im Sprachheilkindergarten des Kinderhauses Eitze und geht aktuell in den Sprachheilkindergarten des Bildungshauses

Spracherwerb ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Kinderspiel – das glauben zumindest die meisten Menschen. Wann haben Sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass das bei Ihrem Kind anders sein könnte?

Veronika Krassow: Anna-Lena hatte nach der Geburt starke Verspannungen und konnte ihre Zunge nicht halten. Sie hat nie etwas in den Mund gesteckt. Das fanden wir merkwürdig und haben den Kinderarzt darauf aufmerksam gemacht.

Christina Schulze: Seine  große Schwester war bei einer Logopädin in Behandlung. Und da ich meinen Sohn meist dabei hatte, wenn ich sie hingebracht oder abgeholt habe, sind der Logopädin schon ganz früh Dinge an ihm aufgefallen, denen ich weniger Bedeutung beigemessen hatte.

Kathrin Czaja: Mein Kind war im Regelkindergarten total isoliert, weil keiner ihn verstanden hat. Der Kinderarzt hat immer versucht, uns zu beruhigen. Auch als er schon vier war, hat  er gesagt: „Das kommt schon noch, entspannen sie sich. Bei Jungs dauert es meistens länger.“ Ich musste total Druck machen, bis endlich etwas passiert ist. Mittlerweile ist klar, dass er eine auditive Wahrnehmungsstörung hat.

Was hat sie bewogen, Ihr Kind in den Sprachheilkindergarten zu geben?

Veronika Crassow: Ich war nach dem Info-Abend sofort begeistert und überzeugt. Diese Begeisterung hält bis heute an, obwohl meine Tochter ja schon lange aus der Einrichtung raus ist. Hinzu kam die Aussicht auf weniger Familien-Stress durch wegfallende Therapietermine am Nachmittag.

Christina Schulze: Mich hat der Betreuungsschlüssel überzeugt: Es gibt zwei pädagogische Mitarbeiter, eine Unterstützungskraft und Therapeuten. Schön fand ich auch, dass die Gruppe viel unternommen hat. Uns haben die Kinder gleich mehrmals auf unserem Hof besucht.

Kathrin Czaja: Ich fand es wichtig, dass mein Kind sich nicht die ganze Zeit therapiert vorkommt. Das Konzept des Sprachheilkindergartens hat mich daher total überzeugt. Es gibt gezielte Sprachförderung, alles ist in Aktivitäten eingebunden. Dadurch werden auch die sozialen Kontakte gefördert. Die Kinder kochen zusammen (u.a. einen hervorragenden Nudelauflauf!) und gehen auch bei Regen raus.

Darüber hinaus ist mein Sohn sehr stolz, weil er durch die Besuche bei der Feuerwehr oder bei der Polizei öfters in der Zeitung steht. (schmunzelt)

Gab es therapeutische „Durchbrüche“, an die Sie sich noch heute erinnern?

Veronika Crassow: Alle Laute, die im Mund bremsen – also dummerweise auch das „P“ in Papa –  waren ein großes Problem. Mittlerweile ist nicht nur „Papa“ kein Problem mehr. Meine Tochter hat große Fortschritte gemacht, viele Laute dazugelernt und ist jetzt insgesamt viel selbstbewusster.

Christina Schulze: Uns selbst fiel es manchmal gar nicht so auf, weil wir unser Kind ja täglich erleben. Aber Verwandte, Nachbarn oder Freunde haben uns dann darauf aufmerksam gemacht, dass er jetzt dies oder das viel besser sprechen könne.

Kathrin Czaja: Mein Sohn ist viel ruhiger und geduldiger geworden. Er hält Blickkontakt, kann Gefühle benennen, wo es früher nur Wut oder Freude gab. Ich habe aber auch dazugelernt. Ich gestikuliere nicht mehr so viel und spreche langsamer und mit Blickkontakt. Familie und Freunden sagen oft zu mir: „Du hast ja jetzt ein ganz anderes Kind!“

Hatten Sie jemals die Sorge, dass Ihr Kind oder Ihre Familie stigmatisiert und ausgegrenzt werden könnten?

Veronika Crassow: Also ich musste unsere Entscheidung schon häufig rechtfertigen. Und bei uns auf dem Dorf wurde es dann auch deutlich schwieriger mit der sozialen Integration, Stichwort Kindergeburtstage! Aus den Augen, aus dem Sinn – diese „Formel“ funktioniert eben leider auch schon bei Kindern. Jetzt in der Schule ist es glücklicherweise wieder besser.

Christina Schulze: Das Nachbarskind wurde vorher immer vom Kleinbus abgeholt, das fand ich schon komisch. Und dann stand da plötzlich ein Taxi für meinen Sohn vor dem Haus. Da hab ich kurz geschluckt. Das Problem war aber eher in meinem Kopf. Mein Sohn fand das cool. Bedenken äußerten damals mehrere, die meinten, er würde vielleicht ausgegrenzt. Ich habe mich allerdings nicht beirren lassen und bin heute heilfroh darüber.

Kathrin Czaja: Ja, natürlich macht man sich da Gedanken. Aber letztendlich ist es ja so, dass es besser ist, dem Kind wird im Sprachheilkindergarten gezielt  geholfen, als dass es im Regelkindergarten unglücklich ist.

Wie geht es Ihrem Kind heute?

Veronika Krassow: Meine Tochter ist viel selbstbewusster geworden. Sie sagt, dass die Zeit im Sprachheilkindergarten „die schönste in ihrem Leben“ war. Wir haben jedenfalls immer noch Kontakt und besuchen die Gruppe und die Mitarbeiter.

Christina Schulze: Unser Kind wurde super auf die Schule vorbereitet. In Sachen Arbeits- und Sozialverhalten bekommt er sogar Lob.

Kathrin Czaja: Mein Sohn hat kaum noch Sprachstörungen, er kann damit heute viel besser und selbstbewusster umgehen. Sie macht ihn nicht mehr fertig. Das wirkt sich natürlich auf das gesamte Familienleben aus.

Vielen Dank für das offene Gespräch!

 

Infokasten:

Wussten Sie, dass beim Sprechen über 100 Muskeln und diverse Organe aktiv sind? Dass bei einem normalen Gespräch im Durchschnitt 120 Wörter pro Minute gesprochen werden, und dass dabei jedes Wort eine andere Koordination und Stellung der beteiligten Muskeln und Organe benötigt? Sprechen ist ein hoch komplexer Vorgang – kein Wunder, dass es Jahre dauert, bis ein Kind „richtig“ sprechen kann.

Beim Erlernen der Sprache hat jedes Kind sein eigenes Tempo und seine eigenen Stärken und Schwächen. Während einige beispielsweise schon mit drei Jahren druckreife Vorträge halten, kriecht bei anderen eine „Necke“ statt einer Schnecke über das Salatblatt von „Ontel“ Ralf, oder das Wort „Po-po-po-po-po-polizei“ braucht ewig, bis es über die Lippen ist. Das ist meist kein Grund zur Beunruhigung, denn viele Kinder haben vorübergehende Phasen des unflüssigen oder „falschen“ Sprechens in ihrer Sprachentwicklung.

Manchmal kommt es jedoch vor, dass diese Phasen länger andauern und dass die damit verbundenen Entwicklungsverzögerungen nicht mehr im Rahmen der gewöhnlichen Bandbreite liegen. Dann braucht Ihr Kind angemessene Hilfe und Unterstützung – und zwar je eher, desto besser. Denn gerade in den frühkindlichen Entwicklungsphasen lässt sich noch vieles positiv beeinflussen. Eine früh einsetzende Sprachheilbehandlung kann beispielsweise dazu beitragen, dass sich eine drohende Sprachstörung gar nicht erst verfestigt, oder dass die Folgen einer bestehenden Beeinträchtigung erheblich gemildert werden. Aber auch, wenn die Entwicklungsdefizite erst vergleichsweise spät auffallen, kann man mit gezielter Förderung sehr viel erreichen.

 

Was sind Anzeichen einer Sprachentwicklungsstörung?

Vielleicht haben Freunde, Verwandte oder die Erzieherin in der Krippe oder im Kindergarten Sie auf die Aussprache Ihres Kindes angesprochen, vielleicht haben Sie aber auch selbst das Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“. Anzeichen einer Störung in der Entwicklung können sein:

  • Ihr Kind verstummt mit etwa sechs bis acht Monaten gänzlich und hört auf zu lallen oder zu gurren. Dahinter steckt zumeist eine ernsthafte Beeinträchtigung des Hörvermögens, da das Kind in dieser „2. Lallphase“ normalerweise auf Geräusche reagiert. Lassen Sie unbedingt das Hörvermögen Ihres Kindes testen, denn Hören ist eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für den Spracherwerb.
  • Zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr gibt es eine Phase, in der es vollkommen normal ist, wenn Kinder etwa fünf Prozent ihrer Wörter unflüssig, also stotternd sprechen. Dauert diese Phase länger als ein halbes Jahr, sollte Sie allerdings hellhörig werden. Wenn es oft vorkommt, dass Ihr Kind einzelne Silben oder Laute wiederholt (P-p-p-p-p-polizei) oder einzelne Laute häufig länger zieht (Poooooooliiiizei), sollten Sie unbedingt Expertenrat einholen.
  • Ihr Kind lässt über einen längeren Zeitraum einzelne Buchstaben aus oder ersetzt den einen gegen den anderen Konsonanten, zum Beispiel „Flasse“ statt „Flasche“ oder „Kanke“ statt „Tante“.
  • Ihr Kind hat über einen längeren Zeitraum Probleme mit der Grammatik, zum Beispiel „Ich Ball möchte“ oder „Du spiele“.
  • Ihr Kind kommt mit anderen Kindern und Erwachsenen schlecht oder gar nicht zurecht, da es wenig oder gar nicht mit ihnen spricht.
  • Ihr Kind wächst zweisprachig auf, und Sie haben das Gefühl, dass dadurch Probleme entstehen, beziehungsweise bereits entstanden sind.
  • Ihr Kind hat eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, die zwar früh operiert wurde, aber trotzdem noch für Probleme sorgt.

 Nicht immer steckt eine Störung dahinter, wenn ein Kind so spricht, wie in den Sprechblasen dargestellt. Ziehen sich die Phasen aber extrem in die Länge, benötigt ein Kind Unterstützung.

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Es werden derzeit vier Sprachheilgruppen in Trägerschaft der Lebenshilfe Verden betrieben:

Kinderhaus Eitze (2), Eitzer Dorfstr. 20, 27283 Verden Tel. 04231/ 965621

Bildungshaus Jahnschule (1), Jahnstr. 2, 27283 Verden Tel. 04231/804709

Kita Paletti in Achim-Baden (1), Holzbaden 6, 28832 Achim Tel. 04202/95380